Zwischen dir und mir das Leben - Eine Liebe in Briefen -

 

März

 

Mögen die Grenzen, an die du stößt,

einen Weg für deine Träume offen lassen.

 

 

 

April

 

Liebster,

 

manche Dinge beginnen wahrlich seltsam. Wie Regentropfen im Sommer, die aus einer einzelnen hellen Wolke tröpfeln und du gar nicht glauben kannst, dass dieser eine Regentropfen ausgerechnet dich trifft, obwohl die Welt um dich herum so riesengroß ist.

Oder so seltsam wie Nebel, der urplötzlich vom Meer aufs Land zieht und die Welt in Grau hüllt.

Oder eben wie unsere Liebe, deren Beginn vermutlich das Seltsamste und gleichzeitig Aufregendste und Schönste war, was ich je erlebt habe.

Ich wünschte, ich könnte mich noch, genauso wie du, an unsere allererste Begegnung erinnern. Und je öfter ich an diesen Tag denke, desto mehr Bilder kehren zurück und ich bin mir unsicher, ob sie real sind oder ob ich mir bloß wünsche, dich auf diese oder jene Art angesehen zu haben.

Du hast so viel mehr Erinnerungen an mich, als ich an dich und ich habe Angst, irgendetwas Wichtiges verpasst zu haben.

Doch wenn ich auch nur eine Sekunde mit dir verpassen würde, wäre es, als würde die Welt aufhören sich zu drehen und alles um mich herum zum Stillstand kommen.

Doch lieber habe ich das Gefühl, als stünde alles um mich herum still, weil du mich dann ansiehst und es nichts mehr gibt, außer dich und mich.

 

In Liebe

 

XXX

 

 

 

Mai

 

Liebster,

 

manchmal beobachte ich dich während du mit jemandem sprichst, und du bist in diesem Augenblick plötzlich so erwachsen. Das ist wahnsinnig sexy und ich liebe es, dir dabei zuzusehen.

Doch dann denke ich an mich und mir wird bewusst, wie kindisch ich im Gegensatz zu dir doch manchmal bin.

Ab und an wäre ich gerne mehr wie du – souverän, ein wenig ernsthafter und enthusiastisch bei Themen, die mich bewegen.

Du bist einer der intelligentesten Menschen, die ich kenne und ich wünsche mir, noch viel von dir zu lernen.

Du wärst wahrlich ein guter Lehrer und, wenn ich dich in Gegenwart von Kindern beobachte, ein guter Vater.

Du machst dir viel zu viele Gedanken über Dinge, die in deiner Natur liegen.

Höre öfter auf dein Herz, anstatt nur auf deinen Verstand. Schließlich hat es dich zu mir geführt – also, wie falsch kann es sein?

 

In Liebe

 

XXX

 

 

 

Juni

 

Liebster,

 

wir haben uns heute fürchterlich gestritten. Unser erster richtiger Streit.

Wir sind unnachgiebig und selbstzerstörerisch und die Angst dich zu verlieren war übermächtig. Wie ein Damoklesschwert, das mahnend und drohend über mir schwebte.

Als ich darüber nachdachte, die Reißleine zu ziehen und zu dir hinüber gesehen habe, hat es mir das Herz gebrochen.

Dich nicht mehr bei mir zu wissen, würde mich zerstören und mich in Millionen Einzelteile zerspringen lassen. Wie könnte ich mich je wieder zusammensetzen? In einer Welt, die ohne dich dunkel wäre?

Meine Liebe zu dir wächst jeden Tag, mit jeder Sekunde und mit jeder Berührung, jedem Wort, jedem Blick, jedem deiner, meiner, unserer Fehler.

 

In Liebe

 

XXX

 

 

 

Juli

 

Liebster,

 

manchmal, wenn du schläfst, betrachte ich dich.

Dann liege ich einfach nur da und versuche nicht zu atmen, damit ich nichts von dir verpasse. Und während das Mondlicht nur noch schwach auf dein Gesicht fällt, möchte ich durch dein Haar streicheln und mit meinen Fingerspitzen dein Gesicht berühren.

Weißt du, es ist seltsam neben dir zu liegen. Es ist, als würde ich tief und fest schlafen und gleichzeitig hellwach sein, aus Angst, du würdest einfach unbemerkt verschwinden.

Und dann, wenn sich nachts unsere Hände finden, ist es, als wäre alles vollkommen, weil wir im Schlaf wieder vereint sind.

Deine Haut ist nachts noch weicher als am Tag und dein Gesicht noch tausendmal schöner.

Ich wünschte, ich könnte gleichzeitig schlafen und wach sein.

 

In Liebe

 

XXX

 

 

 

August

 

Liebster,

 

Du bist unendlich weit von mir entfernt. Mit jeder Sekunde ein kleines Stückchen mehr. Jetzt werden die Tage ohne dich kürzer, die Nächte ohne dich einsamer und kälter. Ich wünschte, ich könnte bei dir sein. Nicht nur heute und morgen, sondern auch an jedem anderen Tag.

Ich habe noch nicht mal ein Foto von uns beiden. Immer mal wieder wollte ich dich darum bitten, aber ich habe mich nie getraut.

Nun tobt in mir die fürchterliche Angst, dass du irgendwann erkennst, dass du mich doch nicht liebst und dann habe ich nichts, was mir von dir bleibt.

Nichts, was mich an dich und mich erinnert.

 

In Liebe

 

XXX

 

 

 

September

 

Liebster,

 

manchmal habe ich das Gefühl, als bewegte ich mich im selben Rhythmus wie du, und das dein Rhythmus so viel schöner und anmutiger und filigraner ist als mein eigener.

Wie ein Grashalm auf einem Feld, der vom Wind stets in dieselbe Richtung wie die anderen wiegt.

Du bist mein Grashalm, mein Gegenstück.

Es ist für mich, als sei genau dieses Gefühl das normalste der Welt.

Als habe es nie etwas anderes gegeben.

Als habe es nie etwas anderes außer dich und mich gegeben.

 

In Liebe

 

XXX

 

 

 

Oktober

 

Liebster,

 

du bist schon wieder unendlich weit weg. Eine Millionen Kilometer. Es fühlt sich wie das andere Ende der Welt an. Wie eine Ewigkeit, die zwischen uns liegt, seit wir uns das letzte Mal geküsst haben. Es ist kaum sieben Stunden her, als ich gewunken habe und weitergefahren bin, obwohl ich anhalten und zu dir laufen wollte.

Es fühlt sich wie die Entfernung bis zum Mond und wieder zurück an. Die Distanz, die sonst meine Liebe zu dir beschrieben hat, beschreibt nun die unüberwindbare Kluft zwischen uns.

Ich muss an vorletzte Nacht denken. Daran, wie ich in deinen Armen lag, wie wir uns liebten und uns sagten, wie viel wir uns bedeuten.

Worte, die so viel und doch so wenig sein können. Doch ich glaube fest daran, dass genau diese Worte alles für dich sind – so wie für mich.

Noch immer versuche ich meine Gefühle für dich in Worte zu fassen, befürchte jedoch, dass ich es nie schaffen werde.

Erst jetzt, da diese Millionen Kilometer zwischen uns liegen, wird mir bewusst, dass ich ohne dich nicht mehr leben kann.

Ja, vermutlich hört es sich für dich verrückt an, aber ich habe soetwas noch nie empfunden. Niemals, in all den Jahren nicht.

Du vervollständigst mich, machst mich komplett.

Ich will nie wieder ein anderer Mensch sein, als der, der ich bin, wenn du bei mir bist.

XXX, ich möchte den Rest meines Lebens mit dir verbringen – ein verrückter Gedanke, den ich dem Wein schulde.

Aber ich bin überzeugt, dass es auch morgen noch das ist, was ich will.

 

In ewiger Liebe

 

XXX

 

 

 

November

 

Liebster,

 

ich stehe am Fenster und schaue in Richtung Westen.

Am Horizont, hinter den Häusern, die ich von hier aus sehen kann und den Baumkronen, die nun kaum noch Blätter tragen, verblasst die Welt in Grau.

Je länger ich auf einen unbestimmten Fleck in der Ferne starre, desto deutlicher wird der Kontrast zum Dunkel der Nacht, das von Sekunde zu Sekunde mehr Raum einfordert und mir die Erinnerung an die Sonne nimmt.

Doch dann denke ich an dich. An dein wunderschönes Gesicht, dein Lächeln, bei dem ich automatisch mitlächeln muss und an die Weichheit deiner Augen. Und plötzlich begreife ich, dass, solange du bei mir bist, die Dunkelheit niemals siegen kann.

Du vertreibst die Schwärze – aus der Welt und aus mir – und bringst das Licht.

Du machst mich wieder mutig, neugierig und abenteuerlustig. Du hast mich aus einem endlos langen Schlaf wach geküsst. Du hast mich wieder lebendig gemacht.

Ich danke dir für dieses neue, besondere Leben an deiner Seite, und ich verspreche dir, dass ich dasselbe für dich tun würde.

Wenn du möchtest, für den Rest meines Lebens.

 

In Liebe

 

XXX

 

 

 

November

 

XXX,

 

ich weiß schon seit deiner Nachricht von heute morgen, dass du Schluss machen wirst.

Etwas hat sich in den letzten Tagen verändert. Die Art und Weise in der du mit mir sprichst, mir schreibst.

Misstraue nie dem weiblichen Instinkt!

Ich wünsche dir alles erdenklich Gute für dein Leben.

 

p.s.

 

Ich würde diese ständigen Zweifel an deiner Zuneigung zu mir auch nicht mehr länger ertragen. Sie waren immer da, tief in mir, verborgen, auch wenn du mir sagtest, ich sei perfekt, so wie ich bin. Ich wusste immer, dass es nicht stimmt. Dass ich nicht liebenswert genug bin und irgendetwas an mir falsch ist.

Du hast gelogen. Jedes „Ich liebe dich“ war gelogen, jede Berührung, jeder Kuss nur ein Kompromiss für dich.

Aus dem Stein, der den Platz innehatte, dort, wo einst mein Herz war, war wieder etwas Lebendiges geworden - bis du es zerstört hast. Nun bin ich wieder der Stein.

All meine Befürchtungen sind wahr geworden.

Doch zwischen dir und mir ist das Leben - ein anderes als jenes, welches wir uns vorgestellt haben.

 

XXX

 

 

 

Heute

 

 

XXX,

 


die ersten 24 Stunden sind fast vorüber. Ich liege wach und schaue von meinem Bett hinaus in die Nacht. Die Dunkelheit hat gesiegt.
Ich habe Kopfschmerzen und meine Augen fühlen sich geschwollen an.
Ich sehne mich nach der Wut, die auf den Schmerz folgt. Sie wird es so viel erträglicher machen. Sie wird mir zeigen, dass du gar nicht so perfekt warst, wie ich dachte, obwohl du es niemals hättest sein müssen, und bestimmt werde ich begreifen, dass etwas mit dir und nicht mit mir nicht stimmt. Dass ich durchaus liebenswert bin, dass es dich mit mir nicht besser hätte treffen können, dass du hättest Glück haben können, dass du mich nicht verdient hast.
In ein paar Stunden wird der Morgen anbrechen. Es soll ein sonniger Tag werden. Ich werde zu der schmerzlichen, bittersüßen Erkenntnis gelangen, dass es nie wieder einen Weg zurück geben wird, auch wenn ich das Unperfekte liebe.
Denn mich liebe ich noch mehr als dich.

 

XXX

 

 

 

Morgen

 

XXX,

 

ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll, dass du mir geschrieben und mich angerufen hast. Heute war ein guter Tag. Mir ging es gut. Die Gleichgültigkeit hatte bereits den Schmerz und die Wut vertrieben. Deine Stimme zu hören war seltsam. Du warst mir vertraut und doch fremd. Es war wie ein Balanceakt zwischen Glück, Unverständnis und Desinteresse. Der wahre Grund für deine Entscheidung war das Plausibelste, was es je hätte geben können. Angst ist so menschlich. Wieso hattest du nur so wenig Vertrauen in mich, dass du glaubtest, ich könnte es nicht verstehen? Es hätte mir gezeigt, dass auch du verletzlich bist. Seltsamerweise wünschte ich, ich wäre nicht länger der Stein. Ich wünschte, mein Herz würde wieder im selben Takt wie deines schlagen. Doch ich bin innerlich tot. In mir tobt eine kaum zu ertragende Leere. Da ist nichts mehr. Ein Vakuum, das jede Empfindung wie ein schwarzes Loch in sich aufgesaugt hat. Oh, ich wünschte so sehr, mein Herz wieder in deinem Rhythmus schlagen zu hören. Oh, ich wünschte so sehr, wieder der Grashalm auf dem Feld zu sein. Doch der Wind hat sich gedreht und fegt nun in wilden, unkoordinierten Bahnen über uns hinweg.
Vielleicht wird sich der Sturm eines Tages legen und auf ihm wird eine sanfte Brise folgen.

 

XXX